Auf meinem Weihnachtsteller herrschte Ebbe. Zerbröseltes Spritzgebäck und zerkrümelte Vanillekipferln waren die kläglichen Reste. Ich hatte fast alles vertilgt. Nur Nüsse waren noch übrig. Ich mochte diese Früchte mit der verdammt harten Schale nicht. Mutter dagegen liebte sie. So tauschte ich meine Haselnüsse bei ihr gegen Mandarinen und Marzipankartoffeln ein. Ob das Christkind sich richtig über mich informiert hatte? Es hätte wissen müssen, dass ich mich hauptsächlich für Schokolade und Marzipan begeisterte. Zudem konnte ich die Nüsse gar nicht essen. Ständig klemmte ich mir die Finger am Nussknacker, was bereits zu winzigen Blutblasen an meinen Händen geführt hatte.

Die Kerzen am Baum waren heruntergebrannt und meine Mutter versprach, heute am letzten Tag des Jahres den Weihnachtsbaum nochmals mit neuen Kerzen auszustatten. Wir würden am Abend den Lichterglans ein letztes Mal bestaunen dürfen.

In unserer Küche hing der Kalender der Marien-Apotheke. 31. Dezember, Silvester, las ich. »Warum heißt der Tag Silvester?«, fragte ich meine Mutter.

»Na, weil Silvester immer der letzte Tag des Jahres ist«, sagte sie.

Mit der Antwort war ich nicht zufrieden. Ich ging zu meinem Vater, der an seinem Schreibtisch saß. Zwischen den Jahren hatte er Urlaub. Er verbrachte seit Tagen viel Zeit im Wohnzimmer an seinem Sekretär und erledigte seine Post zum Jahresende. Manchmal telefonierte er auch stundenlang und wünschte allen möglichen Freunden und Bekannten einen guten Rutsch ins neue Jahr. Ich stellte ihm die Frage nach dem Namen des letzten Tages im Jahreszyklus. Seine Antwort klang plausibel und sie machte mich zufrieden.

»Silvester hieß ein Papst. Er ist vor vielen hundert Jahren am 31. Dezember gestorben. Um ihn zu ehren, feiern wir an Silvester seinen Namenstag. So wie Omas Namenstag am 16. Oktober.«

Dieser Tag war mir gut in Erinnerung, denn es war ein großes Fest, an dem es jede Menge Kuchen gab und an dem ich alle Cousins und Cousinen traf. Allerdings ein Feuerwerk, wie am heutigen Abend, gab es nicht.

»Wirst du uns in die Stadt begleiten? Wenn du schon Urlaub hast, kannst du mir beim Einkaufen helfen«, fragte meine Mutter beim Frühstück meinen Vater.

Mir gefiel Einkaufen an einem Samstag gar nicht. An diesen Tagen war die Stadt so voll Menschen, dass ich aufpassen musste, in dem Gewühl meine Eltern nicht zu verlieren. Wenn Vater also mitgehen würde, dann hieß das für mich, ich musste sie begleiten. Mutter hatte in den letzten Tagen schon so viel eingekauft. Der Kühlschrank war bis an den Rand gefüllt. Kartoffelsalat und andere kleine Partyhäppchen waren bereits fertig und standen abgedeckt im kühlen Keller. Die Dekoration der Tomaten hatte ich übernehmen dürfen. Die kleinen roten Hälften sahen aus wie weißgepunktete Marienkäfer. Kunstvoll hatte ich die Majonaisetupfer aufgetragen. Vater hatte Getränke in den Keller geschleppt. Was wollte Mutter denn schon wieder in der Stadt?

Wir bekamen Besuch. Mutters Schwester mit Mann und Kind wurden am Abend zur Silvesterparty erwartet. Meine Eltern hatten mir versprochen, es würde eine lange Nacht werden.

»Du darfst so lange aufbleiben, bis das Feuerwerk vorbei ist. Solltest du vorher müde werden, dann darfs du auch frühzeitig ins Bett gehen.«

Was für ein Vorschlag. Ich ging doch nicht freiwillig vor dem Feuerwerk schlafen. Mein Bruder war noch zu klein. Er würde bereits tief und fest schlummern, bevor die Verwandten anreisten. Ich freute mich auf den Abend. Es würde sicher gemütlich werden, mit leckerem Essen, kleinen Überraschungen und Gesellschaftsspielen.

Aber zuerst musste ich den Gang in die Stadt, die Runde über den Markt, den Kurzbesuch bei meiner Oma und das Einkaufen überstehen. Ich versicherte immer wieder, dass ich schon groß genug sei und durchaus mal ein Stündchen allein zuhause bleiben konnte.

»Ich lass niemanden rein«, versprach ich. »Ich spiele nur in meinem Zimmer.«

Mutter stand vom Frühstückstisch auf, nahm ein Buch aus dem Regal und schlug es auf.

»Du kennst die Geschichte«, sagte sie und begann vorzulesen.

Paulinchen war allein zu Haus,
Die Eltern waren beide aus.
Als sie nun durch das Zimmer sprang
Mit leichtem Mut und Sing und Sang,
Da sah sie plötzlich vor sich stehn
Ein Feuerzeug, nett anzusehn.
»Ei,« sprach sie, »ei, wie schön und fein!
Das muss ein trefflich Spielzeug sein.
Ich zünde mir ein Hölzlein an,
wie’s oft die Mutter hat getan.«

Und Minz und Maunz, die Katzen,
erheben ihre Tatzen.
Sie drohen mit den Pfoten:
»Der Vater hat’s verboten!«
»Miau! Mio! Miau! Mio!
Lass stehn! Sonst brennst Du lichterloh!« 

(Paulinchen war allein zu Haus – aus dem Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann)

 

»Muss ich weiterlesen?«, fragte meine Mutter.

Ich schüttelte den Kopf. Das Gedicht konnte ich auswendig aufsagen. Mein Einkaufsschicksal nahm ich an und ging später mürrisch neben meinen Eltern her. Dann nahm Vater meine Hand.

»Wir haben uns doch gerade über Silvester unterhalten«, sagte er. Ich nickte. Heute ist ein ganz besonderer Tag. Wenn wir gleich in der Stadt angekommen sind, dann musst du gut aufpassen. Sei aufmerksam und sieh dir alle Männer genau an. Schau ihnen am besten mitten ins Gesicht.«

»Warum?«, fragte ich interessiert.

»Heute läuft ein Mann durch die Straßen der Stadt, der hat soooo viele Nasen im Gesicht, wie das alte Jahr noch Tage hat.«

Meine Vorstellungen von diesem Mann explodierten schlagartig. Ich hatte einige ekelige verrunzelte Gesichter in den Märchenbüchern bei meiner Oma gesehen. Und diese Bilder blitzten bei mir auf, dazu zwei Nasen nebeneinander oder auch drei. Sofort dachte ich an das Grim´sche Märchen von Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein. Warum sollte es nicht auch Menschen geben, die drei Nasen im Gesicht hatten oder auch mehr. Meine Fantasie ließ mich an Gesichter denken, mit aufgequollenen roten Nasen nebeneinander und übereinander. Sie verdrängten fast die Augen. Haarbüschel lugten aus den Nasenlöchern heraus und sie waren übersät mit Pusteln und Narben. Ein Schauer lief mir über den Rücken und ich umklamerte die Hand meines Vaters fester. Er versprach mir, sofort Bescheid zu sagen, wenn er diesen Mann erblicken würde.

Wir trafen die Familie meiner Freundin. Sie zogen zu Fünft, also auch in kompletter Familenstärke, durch die Stadt. Während die Erwachsenen sich unterhielten und Wünsche zum Jahreswechsel austauschten, flüsterte ich meiner Freundin das Geheimnis zu. Neugierig sah sie sich um. Ab jetzt würde auch sie Ausschau halten nach dem unheimlich hässlichen Mann mit den vielen Nasen im Gesicht.