DAMENWAHL

Neue literarische Gesellschaft Recklinghausen

DIE VARIATION MEINES VIERTELS

Herr und Frau Kampmann wiesen mir einen Platz in ihrem Leben zu, als draußen ein Schneegestöber dem beginnenden, letzten Tag des Februars einen winterlichen Anstrich gab. Herr Kampmann drehte seiner Frau den Rücken zu, rollte sich in seine Daunendecke ein und fiel schon Sekunden später in wohlverdienten Tiefschlaf. Kurz zuvor hatte er eine neue Vaterrolle übernommen. Frau Kampmann genoss die gerade erlebte Zweisamkeit, aber ihre Gedanken kreisten bereits um die morgendlichen Aufgaben, die Moritz, Chris und Jan ihr bei den Schneeverhältnissen zusätzlich stellen würden. Sie würde Tage später erst an der Verfärbung des Teststreifens ablesen, was in dieser Nacht seinen Anfang genommen hatte.

 

Mir wurde gerade unfreiwillig, ein Platz in dieser Familie eingeräumt. Wenn auch noch niemand von meiner Existenz Kenntnis genommen hatte, so war von Gesetzes wegen mein Anteil schon gesichert. Genau neun Monate später legte ich den Arbeitstitel „Paul“ ab, und in der Familienchronik wurde folgender Satz vermerkt: „Am 30. November erblickte Lucca, als vierter Sohn der Eheleute Klaus und Barbara Kampmann, geborene Meier, das Licht der Welt.“ Für mich begann nun der Kampf um jegliches Viertel, das meine Brüder mir immer wieder streitig machten. Sie waren es gewohnt, alles durch drei zu teilen, aber jetzt verkleinerte sich durch meine Anwesenheit ihr Drittel auf ein Viertel.

 

Chris und Jan waren kampferprobt. Sie hatten einschlägige Erfahrungen, die mir natürlich fehlten und somit fiel mein Viertel in dieser Familie in den ersten Jahren immer kleiner aus, als mir eigentlich zustand. Meine frühkindlichen Erinnerungen sind nur vage, aber das Gefühl, dass meine Brüder mich immer ausgetrickst haben, ist haften geblieben.

 

Ich saß in meinem Kinderhochstuhl, hielt voller Vorfreude einen Schokoriegel in der Hand. Meine Brüder bekamen ebenfalls ihre Schokoladenration. Während ich gemütlich mangels Zähnen an dem Riegel Schokolade lutschte, verschlangen meine Brüder ihre Köstlichkeit mit einem Biss. Mir, weil ich mich nicht wehren konnte, brachen sie von meinem Viertel die Hälfte ab.

 

Das Bemühen unserer Eltern, den Gleichbehandlungsgrundsatz gegenüber uns auch konsequent zu verfolgen, muss ich loben. Allerdings schafften meine Brüder es immer wieder, mein Viertel zu verkleinern. Sie nutzten jede Gelegenheit dazu. Alles, was ich ihnen bereitwillig überließ, wollten sie nicht, denn meistens teilten sie dann mit mir die Auffassung, dass es nicht erstrebenswert war, über mehr als ein Viertel davon zu verfügen.

 

In die Reihe dieser unliebsamen Viertel gehörte das Müllentsorgen und das Abtrocknen des Geschirrs, ebenso das Gassi gehen mit dem Hund und das Säubern der Käfige, in denen der familiäre Zoo beherbergt wurde. Am meisten nervte mich, wenn ich das schäbige Viertel an Kleidung auftragen musste, was durchaus noch tragbar war, aber sich oftmals durch deutliche Gebrauchsspuren auszeichnete und den annähernden Status von „modern“ abgelegt hatte. In einem Jahr erhielten wir alle vier eine neue Winterjacke, weil der Opa das Portemonnaie gezückt hatte, aber über die Freude hinaus, wusste ich schon, wie in den nächsten Jahren meine Jacken aussehen würden, wenn ich meinem eigenen Modell entwachsen war.

 

Nach außen traten wir immer als Ganzes auf. Wir demonstrierten eine geschwisterliche Zusammengehörigkeit, die uns starkmachte. In der Zeit meiner körperlichen Unterlegenheit konnte ich auf meine Brüder zählen. Wenn ein Viertel von uns Ärger bekam, mussten sich die Gegner mit vier Vierteln auseinandersetzten. Wir entwickelten uns aber dennoch sehr individuell, allein schon um uns der Gleichmacherei unserer Eltern zu entziehen. Wir versuchten an uns Talente zu entdecken, die uns voneinander unterschieden.

 

Es reichte schon, dass man in der Schule die Augen verdrehte, wenn wir gemeinsam im Anmarsch waren. Wir wollten wenigstens in der Freizeit unterschiedliche Hobbys ausüben. Moritz lernte schwimmen und trat auch gleich in den örtlichen Schwimmverein ein. Für Chris war Wasser kein Element, in dem er sich länger als unbedingt nötig aufhalten würde, er liebte das Radfahren. Jan war so unsportlich, wie es kaum möglich war, und wurde ausschließlich mit etwas Lesbarem in der Hand angetroffen. Ich konzentrierte mich ganz auf die Musik, denn ich wollte auf jeden Fall vermeiden, auf ausgeleierte Badehosen, abgelegte Fahrräder und zerlesene Bücher zurückgreifen zu müssen.

 

Als wir in der letzten Woche gemeinsam am Abendbrottisch saßen, waren wir zu siebt. Jan, mein drittältester Bruder hatte seine Freundin eingeladen und ungezwungen und freundlich, wie sie war, nahm sie neben Jan Platz und integrierte sich ganz selbstverständlich in unserer Familienrunde. Wir starrten sie an wie ein Wesen aus einer anderen Welt und zeigten auch gleich alle ein überaus großes Interesse an unserem Neuzugang. Es dauerte drei Wochen, da saß sie nicht mehr neben Jan und damit auch nicht mehr an meiner Seite des Tisches, sondern sie saß mir gegenüber. Die Verliebtheit, die sie Chris, meinem zweitältesten Bruder angedeihen ließ, war schon fast peinlich. Ich, als der Jüngste wurde nicht informiert, was da abging. Für mich sah es so aus, als wenn Chris jetzt die abgelegte Freundin von Jan als seine Beziehungskiste bezeichnete. So richtig fand ich mich in dieser seltsamen Gefühlswelt noch nicht zurecht, aber insgeheim freute ich mich, dass jetzt Chris auch mal etwas Abgelegtes, Altes bekam, weil er fast nie alte abgelegte Sachen auftragen musste. Doch Eva sah alles andere als alt und abgelegt aus.

 

Wenn sie sich für mich begeistert hätte, ich hätte bestimmt nicht nein zu ihr gesagt. Doch im Moment hatte sie nur noch Augen für Chris. Ich konnte warten. Ich zeigte mich Eva gegenüber stets von der besten Seite, war höflich und zuvorkommen und vor allem charmant. Als Moritz dann auch noch Interesse an diesem hübschen Mädchen zeigte, wichen meine Eltern von ihrem Prinzip, das sie jahrelang an uns praktiziert, ab. „Es gibt so viele nette Mädchen,“, sagte mein Vater, „ich möchte nicht, dass Eva das Gefühl bekommt, hier herumgereicht zu werden, es darf im Leben nicht alles ehrlich geteilt werden. Sollten wir da etwa einen Erziehungsfehler begangen haben?“ Eva ging bei uns ein und aus. Doch wussten wir manchmal selber nicht, wen sie eigentlich mit ihrem Besuch beehrte. Nach einiger Zeit gehörte sie irgendwie zu Familie.

 

 Da stand sie eines Abends vor der Tür. Mein Vater öffnete und auf seine Frage, wen sie denn heute besuchen wolle, sagte sie: „Sie haben nette Jungen, aber ich habe mich jetzt entschieden, ich habe mich in ihren Vierten verliebt. Ich möchte zu Lucca.Von dem Tag an hatte ich etwas Eigenes, etwas das ich nicht mehr mit meinen Brüdern teilen musste. Evas Liebe gehörte nur mir, mir ganz allein. Mein Viertel hatte sich zu einem stabilen Ganzen entwickelt.

Erschienen in der Literaturzeitschrift etcetera Österreich, Mai 2010 zum Thema „Viertel”